Angst wird zur Krankheit, wenn sie unangemessen stark ist, zu häufig und zu lange auftritt, zu Kontrollverlust führt und wenn Angstsituationen zu Vermeidungssituationen werden. Bei Angststörungen liegt eine andauernde Störung und Fehlsteuerung des Angst-Stress-Reaktionssystems vor. Zu den wichtigsten Angststörungen gehören Phobien mit und ohne Panik, Panikstörungen mit Panikattacken und die generalisierte Angststörung.

Phytotherapie bei Angststörungen

Prof. Dr. Karen Nieber Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Häufigkeit bei Angststörungen

Angst zu haben ist per se nicht krankhaft, sondern überlebenswichtig. Wer Angst hat, bewertet wichtige Entwicklungen falsch und trifft Entscheidungen, die lebensbedrohliche Konsequenzen haben können. Angst ist also ein natürliches, lebenswichtiges Gefühl, eine Art körpereigenes Warnsystem, das uns für drohende Gefahren sensibilisiert und in einen Zustand erhöhter Aufmerksamkeit versetzt.

Angst wird zur Krankheit, wenn sie unangemessen stark ist, zu häufig und zu lange auftritt, zu Kontrollverlust führt und wenn Angstsituationen zu Vermeidungssituationen werden. Bei Angststörungen liegt eine andauernde Störung und Fehlsteuerung des Angst-Stress-Reaktionssystems vor. Zu den wichtigsten Angststörungen gehören Phobien mit und ohne Panik, Panikstörungen mit Panikattacken und die generalisierte Angststörung.

Angststörungen gehören neben den Depressionen zu den häufigsten psychischen Störungen. Die Häufigkeit von Panikattacken in der deutschen Bevölkerung wird auf etwa 2,5 Prozent geschätzt. Bei etwa zwei Drittel der Betroffenen mit einer Panikstörung steht die Agoraphobie (Platzangst) im Vordergrund.

Generalisierte Angststörungen treten bei etwa 5 Prozent der Bevölkerung auf, wobei Frauen fast doppelt so häufig betroffen sind. Eine generalisierte Angststörung beginnt in der Regel in einem früheren Lebensalter, meist bereits vor dem 20. Lebensjahr.

Phobien gehören zu den häufigsten Angststörungen. Etwa 11 Prozent der erwachsenen Bevölkerung leidet mindestens einmal im Leben an einer Phobie. Die Angaben dazu schwanken allerdings erheblich und bewegen sich zwischen 6 und 20 Prozent. Frauen sind auch hier wieder etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Symptome und Ursachen von Angststörungen

Bei Angststörungen sind die Angstreaktionen nicht mehr angemessen und führen zu erheblichen Beeinträchtigungen und Belastungen der Betroffenen. Das Problem besteht zudem darin, dass bei Angststörungen die Angst eine Eigendynamik entwickelt, welche die Störung permanent aufrechterhält. Nicht nur die Angst in nicht wirklich gefährlichen Situationen ist unangemessen übersteigert (»Angstanfälle«, »Panikattacken «), auch die ausgeprägte Erwartungsangst (»Angst vor der Angst«) führt zu einer eingeschränkten Lebensführung und meist zu emotionalen Folgeproblemen. Typische Symptome bei Angst und bei Angststörungen sind Herzrasen, Schwitzen und Schwindel. Häufig treten aber auch Anzeichen auf, bei denen man nicht sofort an eine Angststörung denkt, etwa Rückenschmerzen oder veränderte Darm- und Blasentätigkeit.

Die Ursachen von Angststörungen sind sehr komplex und bisher nicht vollständig geklärt. Es wird das Zusammenwirken mehrerer Faktoren diskutiert. Diese können in familiärer Veranlagung, frühkindlichen Erfahrungen, traumatischen Erlebnissen oder Persönlichkeitsstörungen bestehen. Neurobiologische Befunde weisen darauf hin, dass bei Patienten mit Panikstörungen oder generalisierter Angststörung bestimmte Regionen des Nervensystems empfindlicher reagieren, bzw. die Signalübertragung bestimmter Nervenreize verändert ist. Vermutlich ist das Gleichgewicht von bestimmten Botenstoffen (Neurotransmittern) wie Serotonin, Noradrenalin oder Gamma-Aminobuttersäure (GABA) im Gehirn gestört. Die Rolle von Serotonin und Noradrenalin im Ursprung von Angst wird insbesondere durch die Wirksamkeit von Medikamenten gestützt, die den Serotonin- oder/und Noradrenalin-Abbau hemmen und somit den Gehalt der Botenstoffe im Gehirn erhöhen. GABA ist ein Angst hemmender Botenstoff im Gehirn. Bei Angst-Patienten scheint das Vorkommen dieses Botenstoffs vermindert zu sein.

Therapie von Angststörungen

Zur Behandlung fast aller Angststörungen stehen seit einigen Jahren verschiedene gut gesicherte Therapieverfahren zur Verfügung. Dies sind psychotherapeutische Verfahren (Verhaltenstherapie) und die medikamentöse Behandlung. Häufig werden Antidepressiva, vor allem die Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und ihre Weiterentwicklungen eingesetzt. Die Erfolgsraten schwanken dabei je nach Art der Störungen zwischen 40% (generalisierte Angst) und 65% (Panikstörung und Agoraphobie). Die Benzodiazepine, die seit Jahrzehnten gegen Angststörungen verwendet werden, steigern die GABAerge Aktivität, haben jedoch ein erhebliches Abhängigkeitspotenzial.

In den letzten Jahren wurden deshalb verstärkt pflanzliche Arzneimittel mit angstlösender Wirkung untersucht. Zu den Angststörungen, bei denen Phytopharmaka im Rahmen eines Therapiekonzeptes sinnvoll einsetzbar sind, gehören generalisierte Angststörungen und Phobien, die in bestimmten, gut definierbaren Situationen auftreten und ungefährlich sind. Besonders eignen sie sich dann, wenn eine Behandlung mittel- bis langfristig erforderlich ist. Die pflanzlichen Arzneimittel wirken nur bei ausreichender Dosierung und gleichbleibend hoher Qualität. Zu den Phytopharmaka mit angstlösender Wirkung zählen Fertigpräparate aus Lavendelöl und Passionsblumenkraut. Für Arzneitees und Nahrungsergänzungsmittel ist keine Wirksamkeit belegt.

Phytotherapie mit Lavendelöl

Lavendelöl wird aus der Blüte und den oberen Stängelteilen von Lavendula angustifolia gewonnen. Die wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe sind Linalool und Linalylacetat. Diese lipophilen Verbindungen können die Funktion von Rezeptoren, Transportproteinen und Ionenkanälen beeinflussen und die gestörten Botenstoffe ins Gleichgewicht bringen. Für Lavendelöl wurde eine hemmende Wirkung an spannungsabhängigen Calciumkanälen beschreiben. Wird der Einstrom von Calciumionen in Nervenendigungen gedrosselt, so wird die Ausschüttung erregender Neurotransmitter wie Noradrenalin und Serotonin gebremst und damit die natürliche Reizfilterfunktion zwischen den Nervenzellen bei der Informationsweitergabe verbessert. Die Wirksamkeit und Verträglichkeit eines standardisierten Lavendelölextraktes (Silexan) wurde in klinischen Studien geprüft. Die Teilnehmer erhielten über zehn Wochen einmal täglich entweder 160 mg Silexan, 80 mg Silexan oder das Antidepressivum (SSAR) Paroxetin in der Anfangsdosis von 20 mg. Das Lavendelöl Silexan linderte nicht nur ängstliche Unruhe, sondern es erwies sich auch bei Patienten mit generalisierter Angststörung als überlegen. In der höheren Dosierung half der Extrakt sogar besser als das Antidepressivum.

Silexan hat keine sedierende Wirkung, kein Abhängigkeitspotenzial und zeigt keine Gewöhnung. Allerdings kann es bei der Einnahme zu Magen-Darm-Problemen kommen, die sich meist auf Aufstoßen beschränken. Zugelassen ist das Fertigpräparat mit dem standardisierten Lavendelölextrakt für Erwachsene mit Unruhezuständen bei ängstlicher Verstimmung. Da die Einnahme von Lavendelöl die Wirksamkeit von Arzneimitteln beeinflussen könnte, die über den GABA-Rezeptor wirken, etwa Barbiturate und Benzodiazepine, sollte das Phytopharmakon nicht gleichzeitig mit diesen eingenommen werden. Auch in Schwangerschaft und Stillzeit ist das Mittel tabu.

Phytotherapie mit Passionsblumenkraut

Passionsblumenextrakt hat in der Regel eine entspannende sowie beruhigende Wirkung und kann außerdem Angst lösen, ohne gleichzeitig zu ermüden oder die Konzentrationsfähigkeit zu beeinträchtigen, so dass die Leistungsfähigkeit am Tag erhalten bleibt. Dafür verantwortlich sind unter anderem Flavonoide, Protocatechusäure, p-Hydroybenzoesäure, Kaffeesäure und eine geringe Menge an ätherischem Öl. Die Pflanze wird arzneilich als leichtes Beruhigungsmittel bei Nervosität, Ruhe- und Schlaflosigkeit sowie nervösen Magen-Darm-Problemen angewendet. Für die angstlösende Wirkung scheint die Hemmung der Wiederaufnahme von GABA verantwortlich zu sein. Dadurch verbleibt GABA länger im synaptischen Spalt und sein angstlösender Effekt hält länger an. Mehrere klinische Studien bestätigen die angstlösende Wirksamkeit von Passionsblumenkraut-Trockenextrakt. Arzneimittel mit Passionsblumenkraut sind allgemein sehr gut verträglich. Auch gibt es keine Anzeichen für ein gesundheitliches Risiko bei vorschriftsmäßiger Einnahme. In Deutschland ist Passionsblumenkraut sowohl als Monopräparat als auch in Kombination mit anderen Arzneipflanzen erhältlich. Es ist besonders wirksam, wenn Angststörungen mit Unruhezuständen oder Einschlafstörungen begleitet sind. Sowohl die Erfahrungen in der Selbstmedikation als auch moderne Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass Passionsblumenkraut ein vielversprechender Therapieansatz bei diesen »modernen Leiden« ist, was die Bedeutung ihres Namens (lat. passio = Leiden) in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt.