Phytotherapie bei Depressionen

Prof. Dr. Wolfgang Blaschek

 

Häufigkeit von Depressionen

   Depressionen gehören zu den häufigsten, aber auch zu den am meisten unterschätzten Erkrankungen, was ihre Behandlungsbedürftigkeit und ihre Therapie angeht. Jährlich sind in Deutschland bis zu zehn Prozent der Erwachsenen an Depressionen erkrankt. Für andere europäische Länder liegen ähnliche Angaben zur Häufigkeit depressiver Erkrankungen vor. Die Erkrankung darf nicht leicht genommen werden, sie beeinflusst massiv die Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Angehörigen. Zahlreiche Selbstmordversuche und Selbstmorde stehen im Zusammenhang mit einer Depression. In Deutschland werden jährlich ca. 150 000 Suizidversuche und ca. 10 000 Suizide aufgrund einer nicht erkannten oder nicht ausreichend behandelten Depression verübt.

Depression kann jeden treffen, unabhängig von Geschlecht, Alter, Beruf und sozialem Status. Auch Kinder und Jugendliche können unter Depressionen leiden. Eine Person kann im Laufe ihres Lebens nur einmal, aber auch mehrmals an einer Depression erkranken.

Symptome und Ursachen der Depression

   Jeder Mensch erlebt in seinem Leben Phasen, in denen es ihm psychisch nicht so gut geht; das ist normal. Halten aber Gefühle wie Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Interessenverslust, Hoffnungslosigkeit, Schlaflosigkeit und Angstzustände über Zeiträume von mehreren Wochen und Monaten an, dürfte es sich um eine depressive Erkrankung handeln. Depressiv Erkrankte sind in ihrer Negativ-Stimmung gefangen. Depression ist keine Launigkeit, keine Verstimmung, keine Charakterschwäche. Depression ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die dringend einer ärztlichen Behandlung bedarf. Häufig ist es aber für die Erkrankten schwierig, die Behandlungsbedürftigkeit selbst anzuerkennen und zuzulassen.

   Auslöser für eine Depression können ständige Überforderung (Stress), der Tod einer nahestehenden Person, partnerschaftliche Probleme, Renteneintritt oder finanzielle Schwierigkeiten sein. Es kann aber auch sein, dass überhaupt kein Auslöser für die Erkrankung festgemacht werden kann oder dass sogar positive Erlebnisse wie bestandene Prüfungen, beruflicher Erfolg, die Geburt eines Kindes oder ein lang ersehnter Urlaub am Beginn einer Depression stehen. Es gibt keine typische Depression; sie kann bei einzelnen Betroffenen sehr unterschiedlich beginnen und verlaufen.

   Bei einer depressiven Erkrankung liegt eine Störung in der Reizübertragung im Gehirn vor. Botenstoffe wie Serotonin, Dopamin und Noradrenalin sind zuständig für die Übertragung von Nervenimpulsen im Gehirn. Das Gleichgewicht dieser Botenstoffe (Ausschüttung, Abbau, Wiederaufnahme) sowie die Dichte der für sie zuständigen Rezeptoren sind gestört. Einzelne Botenstoffe liegen also entweder in zu geringer Konzentration vor oder ihre Übertragung verläuft nicht optimal. Das beeinflusst die Verarbeitung von Nervenimpulsen im Gehirn. Besonders ist dabei das sogenannte limbische System betroffen, ein Gehirnbereich, der für die Verarbeitung von Gefühlen des Menschen eine große Rolle spielt. Emotionen und Gedanken des depressiv Erkrankten werden somit negativ beeinflusst.

   Die Symptome einer Depression können unterschiedlich ausgeprägt sein und in Art und Schweregrad variieren. Neben psychischen Symptomen können auch körperliche Beschwerden auftreten.

   Psychische Symptome können sein: eine gedrückte Grundstimmung, Antriebslosigkeit, innere Leere, Freudlosigkeit, Energieverlust, Entscheidungsarmut, Interesselosigkeit, Angstgefühle, Gedanken über eigene Wertlosigkeit, vermindertes Selbstwertgefühl, fehlendes Selbstvertrauen mit Selbstzweifeln, negative Zukunftsperspektiven, Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle, Suizidgedanken.
   Körperliche Symptome können sein: Schlaflosigkeit, gesteigerte Ermüdbarkeit, Magen- und Darmbeschwerden, Appetitlosigkeit oder –steigerung, Atembeschwerden, Schmerzen im Kopf-, Nacken- und Rückenbereich, Druck oder Schmerz in Herz- und Magengegend, Herzrhythmusstörungen, Mundtrockenheit, Konzentrationsstörungen, Schwindel, innere Unruhe, Verlust der sexuellen Lust, Suizidversuche.

   Es lässt sich eine Grobeinteilung von depressiven Erkrankungen vornehmen. Als Dysthymie wird eine meist leichtere, aber chronische Form der Depression bezeichnet, die häufig im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter beginnt und mehr als zwei Jahre anhält. Unter einer unipolaren Depression versteht man, dass die depressive Grundstimmung nicht durch plötzliche Episoden von Stimmungshochs, Heiterkeit, Euphorie und Tatendrang unterbrochen wird; diese werden dann als manische Phasen bezeichnet. Bei einer bipolaren Depression ergibt sich ein Wechsel von depressiven und manischen Phasen.

   Bei der heute üblichen internationalen Klassifizierung der Depression nach ICD-10 (International Classification of Diseases) wird zwischen leichten, mittelschweren und schweren Verlaufsformen der Erkrankung unterschieden. Hauptsymptome der Depression sind:
- depressive, gedrückte Stimmung
- Interessenverlust und Freudlosigkeit
- Verminderung des Antriebs mit erhöhter Ermüdbarkeit (oft selbst nach kleinen
   Anstrengungen) und Aktivitätseinschränkung
Bei einer leichten depressiven Episode treten mindestens zwei Hauptsymptome und zwei weitere der oben aufgeführten weiteren Symptome auf, bei einer mittelschweren depressiven Phase liegen zwei Hauptsymptome und mindestens drei, höchstens aber vier weitere Symptome vor, und bei schwerer Depression sind alle drei Hauptsymptome und mindestens vier weitere Symptome vorhanden. Die Symptome müssen wenigstens über einen Zeitraum von zwei Wochen anhalten.

Therapie einer Depression

   Depressionen sind heutzutage meist gut behandelbar; ärztliche Diagnose und Beratung ist sehr empfehlenswert. Die beiden wichtigsten Behandlungsmethoden sind Psychotherapie und eine medikamentöse Therapie mit Antidepressiva; beide können und sollten sinnvoll kombiniert werden. Antidepressiva wirken dem gestörten Gleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn entgegen. Antidepressiva machen nicht abhängig und verändern nicht die Persönlichkeit des Behandelten. Neben einer Reihe von unterschiedlichen chemisch-synthetischen Antidepressiva können Johanniskraut-Präparate zur Behandlung einer Depression eingesetzt werden. Für alle Antidepressiva gilt, dass die Wirkung meist erst nach einer regelmäßigen Einnahmezeit von 2-3 Wochen eintritt. Bei fehlendem Ansprechen auf ein gewähltes Antidepressivum sollte spätestens nach 4 Wochen ein Wechsel auf ein Präparat mit einem anderen Wirkstoff erwogen werden. Nach erfolgreichem Wirkeintritt eines Antidepressivums und Abklingen der Depression sollte eine längerfristige Erhaltungstherapie durchgeführt werden, um das Risiko eines Rückfalls zu vermindern.

Phytotherapie mit Johanniskraut-Präparaten

   Es liegen zahlreiche klinische Studien vor, die belegen, dass Johanniskraut-Präparate bei leichten oder mittelgradigen depressiven Episoden (einschließlich Dysthymien) gut wirksam sind. Johanniskraut-Präparate werden hierfür als gut verträgliche Alternative zu synthetischen Antidepressiva eingestuft. Im Falle von schweren Depressionen ist die Wirksamkeit entsprechender Phytopharmaka auf der Basis von Johanniskraut nicht eindeutig nachgewiesen.

   Bei leichten depressiven Episoden stellen Johanniskraut-Präparate die einzigen nicht rezeptpflichtigen Antidepressiva dar. Für mittelschwere Depressionen wurden entsprechende Johanniskraut-Präparate unter Rezeptpflicht gestellt, da eine reine Selbstmedikation ohne ärztliche Kontrolle wegen der Schwere der Erkrankung und der Suizidgefahr nicht möglich gemacht werden soll.

   Viele Präparate bestehen aus Filmtabletten, Dragees oder Kapseln mit Trockenextrakten von Johanniskraut (Hypericum perforatum L.) in einer Wirkstärke von 250 - 900 mg, was eine Berechnung der Tagesdosis auch bei Einnahme von z.B. mehreren Tabletten erlaubt. Die Tagesdosis der Johanniskraut-Präparate sollte bei mittelschwerer Depression 900 mg standardisierter Extrakt betragen, bei leichten depressiven Verstimmungen sind 300 bis 600 mg eventuell ausreichend.

   Wie für Phytotherapeutika charakteristisch, beruht auch die Wirkung von Johanniskraut nicht auf einem einzelnen Inhaltsstoff, sondern auf einer komplexen Mischung verschiedener Inhaltsstoffe. Hochwertige Johanniskraut-Extrakte, die mit Alkohol-Wasser-Gemischen aus blühendem Johanniskraut extrahiert wurden, enthalten ein Gemisch aus Hyperforinen, Hypericinen, Flavonoiden, Procyanidinen, Xanthonen, Phenolcarbonsäuren und geringe Mengen an ätherischem Öl.

   Neuere Untersuchungen zeigen, dass neben Hyperforin auch die Hypericine sowie verschiedene Flavonoide und Biflavone zur antidepressiven Wirksamkeit beitragen und dass die Bioverfügbarkeit der Wirksubstanzen durch weitere vorhandene Inhaltsstoffe verbessert wird. Johanniskrautextrakt hemmt die Wiederaufnahme der Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin und Dopamin sowie von GABA (Gamma-Amino-Buttersäure) und L-Glutamat und beeinflusst auch die Aktivität und Dichte von Neurotransmitter-Rezeptoren. Es ergibt sich eine Wirkungsbreite, die einzelne synthetische Antidepressiva nicht aufweisen.

   Johanniskrautextrakte können auch die Schlafqualität günstig beeinflussen, wobei eine Zunahme des Tiefschlafanteils bewirkt wird ohne Reduktion des Wachanteils. Durch Depression verursachte Schlafstörungen können daher gut auf Johanniskraut-Präparate ansprechen, insbesondere wenn eine Kombination mit Baldrianextrakt vorliegt.

   Die Nebenwirkungsraten von Johanniskraut-Präparaten liegen deutlich unter denen chemisch-synthetischer Antidepressiva. Als Nebenwirkungen können selten Magen-Darm-Beschwerden, allergische Reaktionen wie Hautrötung, Schwellung oder Juckreiz, Müdigkeit oder Unruhe auftreten. Eine Photosensibilisierung (erhöhte Lichtempfindlichkeit der Haut) ist theoretisch denkbar. Daher sollte während der Therapie mit Johanniskraut-Präparaten eine intensive Sonnen- bzw. UV-Bestrahlung vermieden werden. Photosensibilisierung wurde allerdings bei Menschen eigentlich nur nach experimenteller Hochdosierung beobachtet.

   Johanniskraut-Präparate können in hoher Dosierung Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten aufweisen. Dies beruht auf der Induktion von bestimmten Enzymsystemen (CYP3A4), die an der Verstoffwechselung von körperfremden Stoffen (auch Arzneistoffe) beteiligt sind und diese damit inaktivieren sowie an der Induktion von Transporter-Proteinen, die körperfremde Stoffe (auch Arzneistoffe) aus Zellen und Geweben herauspumpen. Damit kann die Konzentration der entsprechenden Arzneistoffe in Zellen und Geweben soweit absinken, dass ihre Wirksamkeit reduziert oder sogar verhindert wird. Wechselwirkungen von Johanniskrautpräparaten können sich ergeben mit einigen oralen Kontrazeptiva (Verhütungsmitteln), Antikoagulantien (Blutgerinnungshemmern), Immunsuppressiva (Arzneistoffe zur Verminderung der Funktion des Immunsystems), Zytostatika (Hemmstoffe von Zellteilung und Zellwachstum), Virostatika (Hemmstoffe der Vermehrung von Viren) und Antiepileptika (Arzneistoffe zur Behandlung epileptischer Anfälle). Daher sollte bei einer Behandlung mit Johanniskraut-Präparaten immer eine Beratung durch einen Arzt oder Apotheker erfolgen, wenn gleichzeitig andere Medikamente eingenommen werden.

Eine unbehandelte Depression bessert sich normalerweise nicht von selbst. Depressiv Erkrankte können gut behandelt werden und wieder ein normales Leben führen. Johanniskraut-Präparate sind eine effektive Möglichkeit der medikamentösen Behandlung depressiv Erkrankter.

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